Das sich selbst organisierende Proletariat auf dem Gebiet der Monarchie

 

Im stalinistisch-kádáristischen Kapitalismus der vergangenen 40 Jahren war der 21. März 1919, der Tag der Ausrufung der Ungarischen Räterepublik für einen heiligen Feiertag erklärt. Heutzutage, in den Tagen des „liberalen“ Kapitalismus ist man von einem Extremen ins andere gefallen; dieser Tag ist nur mit den grobsten Fluchworten bezeichnet. In der Tat vertreten beide Positionen, obwohl sie scheinbar unterschiedliche Ansichten haben, Stellungen der Bourgeoisie. Einerseits werden die Ereignisse durch die Taten von einzelnen historischen Personen erklärt, andererseits wird kein Prozess dargestellt, sondern er wird in nicht zusammenhängende Phasen aufgeteilt. Am 31. Oktober 1918 soll die bürgerliche demokratische Republik entstanden sein, am 21. März 1919 soll aber die Kommunistische Gesellschaft angefangen haben. Dadurch will man erreichen, dass das Proletariat – aus der Entwicklung der Geschichte herausgerissen – die Kontinuität des Klassenkampfes und sein eigenes Dasein ausser Achtliess. Und damit verliert auch die Tatsache ihre Bedeutung, dass das Proletariat – auf eine konkrete Zeit beschränkt – seit den letzten Jahren des Krieges ununterbrochen einen bewaffneten Kampf gegen das bourgeois System führt. Noch dazu, dass die oben genannten zwei Ereignisse nicht als positives Ergebnis der proletarischen Bewegung zu erwähnen sind, eben umgekehrt als die Einschränkung der Bewegung erschienen.Was passierte eigentlich an diesem Tag? Am 20. März 1919 suchte einige Vorsitzende der SPU Kun Béla (den Sekretär der KPU) in seiner Zelle auf und schlug ihm Zusammenarbeit in der Regierung vor. Die Bourgeoisie kam darauf, dass sie noch ein Trumpfas in der Hand hatte, bevor die Revolution ausbrach. Und es wäre nämlich die sich als kommunistisch bezeichnende junge Partei, an die das Proletariat den Glauben noch nicht verloren hatte. Das Ziel war klar: die kleine revolutionäre Welle in Ungarn niederzuschlagen. Die Bourgeoisie wollte sich im letzten Augenblick an die Spitze des Proletariats stellen, um zu beseitigen, dass es aus den eigenen Reihen die revolutionäre Führung herausbringt und damit seinen eigenen Kampf zentralisieren kann; d. h. dass es als einheitliche Partei durch die Diktatur des Proletariats den Kapitalismus, die Demokratie, die Gesellschaft der Arbeit zerstört. Der 21. März wurde zum besonderen Tag. Das Proletariat habe erreicht, was es wollte: die kommunistische Gesellschaft. Der Name stimmt zwar, wie lauten aber die Massnahmen und Aufforderungen „der revolutionären kommunistischen Führung“?

- Jeder, der raubt oder plündert, wird mit dem Tode bestraft.

- Ausschenken, Vertrieb oder Konsum von Alkohol ist verboten.

- Besitz von Waffen ist verboten, ausgenommen von den Mitgliedern des Militärs, derPolizei, Gendarmerie, Schutzwache, Volksmiliz oder Arbeitergarde.

- Arbeitet! Haltet Ordnung!

Diese Aussagen zum Schutz des Eigentums, der Ordnung und der Arbeit können gar nicht als revolutionär-kommunistisch bezeichnet werden. Die proletarische Bewegung liess sich aber nicht so leicht entwaffnen. Das Proletariat hatte noch viele Kraft, aber es stellte sich leider (wegen Mangel an eigener Führung) unter bürgerlich-konterrevolutionäre Führung. Obwohl es unter bürgerlicher Führung stand, führte es immer wieder revolutionäre Aktionen durch. Die Proletarier sabotierten die Arbeit, plünderten und liquidierten die Bourgeois, ohne unter irgendwelchen humanistischen Einfluss zu geraten. Da es aber an der selbständigen Zentralisation fehlte, wurde der Staat nicht vernichtet, der sich als die Institut des Gemeineigentums kennzeichnete. So statt die Diktatur der proletarischen Partei einzuführen, spielte eine politische Partei auf leninische Weise die Rolle des Proletariats. Der Staat wurde immer stärker und beseitigte die wirklich proletarischen Elemente. Nachdem die Sozialdemokratie ihr 133 Tage dauerndes Theaterstück aufgeführt hatte, begann der tobende Terror von Horthy den Rest der revolutionären Minderheit, die noch aktiv war, zu liquidieren. Die politische Geschichte der ungarischen Räterepublik ist nichts anderes als der Versuch der bourgeois sozialdemokratischen Clique, die anarcho-kommunistische Bewegung zu isolieren. Die Bewegung lieferte leider den Beweis für ihre eigene Kompromissfähigkeit, trotzdem dass sie sich noch immer radikal zeigte.[1]

1. Die Grüne Garde

Ein Artikel über die Grüne Garde aus der Zeitung „Soziale Revolution“ („Társadalmi Forradalom”, 28. September 1918)[2]

Der Titel der Artikel: Revolutionäre Banden in Kroatien (ein Auszug)

Der Kampf gegen die Gendarmerie und Militärstreifen in der Monarchie wird Tag für Tag verzweifelter. Wie das Kriegsgericht immer mehrere Deserteure erschiessen lässt, wie eine Menge von Anordnungen immer mehrere heimatslose, des Krieges überdrüssige Soldaten vogelfrei macht, so antworten die Deserteure die Menschen der „Grüne Garde“ immer radikaler. Sie bestehen im bewaffneten Kampf gegen ihre Verfolger. Sogar sind sie manchmal die Angreifer. In Kroatien (Syremien) treten die Soldaten besonders hart auf. Sogenannten „revolutionäre Banden“ kämpfen hier gegen die bewaffneten Treiber der Staatsmacht mit erbitterter Härte. Am 5. September griff eine Deserteurtruppe den Gendarmen Radosevics József und den Gefreiten Androvics Pál im Bezirk Grabovci an, die ihren Patrouillengang machten. Die Deserteure erschossen die zwei Gendarmen und nahmen ihnen die Waffen und die Munition weg. Am 6. September erschossen sog. „revolutionäre Banden“ den Gendarmen Utyesanovics Mile. Ihm wurde die Waffe und Munition auch weggenommen. Am 8. September suchten einige Mitglieder derselben Banden im Dorf Velika Bastaja die Gendarmeriewachtstube auf, wo sie den Gendarmeriezugsführer erschossen und den Nachtwächter entwaffneten. Alle Waffen und Munition, die sie im Gemeindehaus fanden, brachten sie mit. Die „Revolutionäre“ der Grünen Garde besuchten auch die Kleinstadt Indjija in Syrmien. Sie brachten den ganzen Mehlvorrat des steinreichen Besitzers einer Dampfmühle Müller Jakab mit, und erhoben gegen ihm einen Tribut von 20 Tausend Kreuzer, und gegen die wohlhabende Gutbesitzer einen von 100 Tausend Kreuzer. Die erschrockenen Menschen bezahlten die Summe, denn sie wussten, dass der Schutz der Gendarmerie nichts hilft. Alle vermögenden Menschen, Pfarrer, Notäre, Gutbesitzer in Bezirken Petrovicic, Karlovcic, Dec und Kupinovo wurden ausgeplündert und mit einem Tribut belegt. Und das alles in einer Woche.“

So berichtet die Zeitung über die Ereignisse sachlich. Trotz der Zensur, die die Informationen ordentlich verstümmelte, kann man klar sehen, dass es hier keinesfalls um einfache Raubfälle und um die Tä tigkeit von einer kriminellen Raubbande handelte. Diese Fälle hatten „eine ernsthafte politische Bedeutung“, wie auch die Zeitung selbst zugibt.[3] Die Deserteure in Syrmien gaben sich nicht damit zufrieden, dass sie sich gegen ihre Verfolger verteidigten, sondern sie griffen im offenen bewaffneten Aufstand den unterdrückenden Klassenstaat, dessen Henker und die Bourgeoisie an. Dort in Syrmien, wo vor den revolutionären Banden“ der Grüne Garde gefürchtet wurde, flammte das Feuer des offenen bewaffneten Aufstandes erstmal in der Monarchie auf…

2. Die „Lenin-Jungen“

Vor und während der Räterepublik organisierte das Proletariat viele Terrortruppen (s. o. Grüne Garde), die Diktatur über die bourgeois Verhältnisse ausübten und derer Tätigkeit in dem erbarmungslosen Kampf gegen die Bourgeoisie gipfelte. Die berühmteste unter diesen Truppen war die der Lenin-Jungen. Die Organisation, nachdem sie von sich selbst spontan entstanden war, wurde der Politischen Ermittlungsabteilung des Innenvolkskommissariats untergeordnet. Diese Abteilung konnte aber ihre Tätigkeit nicht beeinflussen. Zwei kommunistische Führer hatten nur Einfluss in bestimmten Aktionen auf sie, aber natürlich nur im Falle, wenn ihre Vorstellung sich mit den der Gruppe deckten. Sie hiessen Szamuely Tibor und Korvin Ottó.[4] Schon ihr Aussehen brachte eine Legende hervor, ihre Ausrüstung war die nächste: Lederhose, Ledermantel, Schirmmütze, Karabiner, Steyre-Pistole, Bajonett und Handgranate. Aber die wirkliche Legende wurde durch den Kampf gegen die Bourgeoisie hervorgerufen. Mit dem lokalen Proletariat zusammen schlugen sie die konterrevolutionären Organisierungen nieder, wie z. B. am 1. Mai in Szolnok, am 2. in Hatvan, am 7. in Devecser, am 1. Juni in Dunaföldvár, am 21. in Dömsöd, am 22. in Szekszárd usw., und nahmen sie am Niederschlag der konterrevolutionären Bewegung in Budapest am 24. Juni teil.

Die Regierung der ungarischen Räterepublik, auch wenn sie mit der extremsten Härte auftritt, bleibt die humanistischste unter den Regierungen, die die Schrecken des Krieges für die Menschheit brachten.“ – sagte Kun Béla[5] und versuchte dadurch den Wut des Proletariats in ekelhaften Humanismus zu verwandeln. Aber die Worte von Szamuely standen den Lenin-Jungen viel näher:

Die Konterrevolutionäre laufen überall herum, schlagt sie nieder! Erschlagt diese, wo ihr sie findet! Wenn die Konterrevolution uns erst für eine Stunde kleinkriegt, wird sie mit keinen Proletariern barmherzig sein. Bevor sie die Revolution in Blut ersticken würde, erstickt sie ins eigene Blut!“ (Rote Zeitung, der 11. Februar 1919)

Natürlich wurde ihre Tätigkeit heftig, manchmal sogar bewaffnet, von dem sich als kommunistisch bezeichnenden Revolutionären Regierungsrat angegriffen.

Die wider die Gesetze und Anordnungen vollgestreckten Urteile und vor allem die schändliche Mordfälle, die entweder einige durch die Regierung nicht bewilligte Freischaren, die weder zur Armee noch zur Rote Wache gehören, oder Willkürliche begangen haben, sind Verbrechen. Diese wider die Gesetzen der Revolution begangenen Verbrechen haben die Reinheit der Revolution beschmutzt und für diese sind die Revolutionäre und die Revolution nicht verantwortlich.“ – schrieb Böhm Vilmos [6], der Kriegsvolkskommissar der Räteregierung.

Die Willkürlichen gaben aber nicht nach, noch im März 1919 besetzten sie unter der Führung von Cserny József[7] den Batthyány-Palast, der am verkehrsreichsten Punkt der Hauptstadt stand. „Die Terrortruppe der Revolutionären Regierungsrat“ – stand die Aufschrift am Tor des Palastes. Die Regierungsmitglieder nahmen die Nachricht verblüfft zur Kenntnis. Nie wurde die Bildung solcher Truppe genehmigt, bzw. auch wenn einige davon wussten, haben sie nicht gedacht, dass die Sache auf diese Weise ablaufen wird. Am 3. Mai wurden die Magistratsnotäre und noch acht Bourgeois von Metallarbeiter ermordet, wovon auch Cserny wusste. Dieser Mordfall empörte besonders die Regierung, denn die Ermordeten zwar zur Gentry gehörten, waren demokratisch gesinnt und spielten keine konterrevolutionäre Rolle – so die Regierung. Der Fall wurde schnell mit der Hinrichtung der Täter vergolten. Die sofortige Vergeltung von jeder spontanen Willkürlichkeit wurde angeordnet. Mit der Vollstreckung der Vergeltung wurde der sozialdemokratische Stadtkommandant Haubrich József beauftragt. Eine andere Haupttätigkeit der Willkürlichen war die Geiselnahme. Diese Aktionen waren eigentlich ganz sinnlos, aber einer der grössten Fehler der Lenin-Jungen war nämlich ihre Abhängigkeit von der Regierung. Auf Befehl der Politischen Ermittlungsabteilung fingen sie mit der Geiselnahme an. Man kann als positive Sache erwähnen, dass sie mehrmals ihre Befugnisse überschritten. Darum verbot der Regierungsrat die Geiselnahme am 24. Mai in einer Anordnung. Es ist interessant, dass der grösste Geiselbefreier der Führer der KPU Kun Béla war und nicht die rechten Sozialdemokraten. Er befreite viele Aristokraten von den Lenin-Jungen. Am 1. Juli begonnen die „linken“ Kommunisten mit der Organisierung einer neuen kompromisslosen kommunistischen Partei. Die Teilnehmer waren: die Mitglieder des Rates im Bezirk I., der Arbeiterrat im Bezirk IV., Stark Ferenc, Englander Fülöp, Demény Ottó, zwei ukrainische Revolutionäre Jefimov und Jukelson, Varga Ottó und andere Anarchisten, Szamuely und die Abteilung der Lenin-Jungen, die unter seiner Führung stand. Die Organisierung kam aber über die Diskussionen und Planung nicht hinweg. Szamuely hatte vor, eine Zeitung mit dem Titel „Kommunist“ herauszugeben. Jefimov und Jukelson wurden offiziell von Rakowski nach Ungarn geschickt, um die russischen Kriegsgefangenen für die Räterepublik zu organisieren. Sie überschritten ihre Befugnisse und fuhren mit einem Sonderzug im Land herum, um gegen die Räteregierung zu agitieren. Auf dem Lande (in Abony und Sátoraljaújhely) organisierte sich man gegen die Führung. Die „linken“ Kommunisten behaupteten, dass es in Ungarn keine Diktatur des Proletariats, sondern die der Bourgeoisie gibt. Weiterhin erklärten sie, dass man die Pseudoführung der Revolution beseitigen musste, nämlich die Sozialdemokraten bzw. den reformistischen Flügel der KPU zusammen mit Kun. Daraufhin wurde die Organisierung am 20. Juli liquidiert. (Schon im April tritt Kun gegen Szamuelys Radikalismus auf, aber damals noch ohne Erfolg.) Mehrere Mitglieder der Organisierung wurden hingerichtet, die Leichen der zwei Ukrainer wurden in die Donau geschmissen. Die Tätigkeit von Szamuely wurde in den Hintergrund gezwungen. Mehr wagte die Führung nicht zu tun, da sein Einfluss innerhalb der Partei zu gross war bzw. die bewaffnete Einheit der Lenin-Jungen hinter ihm stand. Es ist interessant dabei, dass Kun, der mit den Sozialdemokraten konsequent zusammenarbeitete, später (1934) folgendes sagte: „Auch wenn ein bisschen zu spät, aber wir haben mit der Bewegung angefangen, die sich nach dem geheimen, illegalen Zusammenbringen der Kader der neuen kommunistischen Partei richtet.“

Die Abteilung der Lenin-Jungen wollte man bereits im Moment ihres Zustandekommens aufheben. Böhm traf am 30. April eine Anordnung: „Wieder habe ich eine Meldung bekommen, in der es stand, dass teils bestimmte Kommandos teils bestimmte Arbeiter und Soldatenräte Truppen anwerben und bilden, die unter verschiedenen Bezeichnungen – so wie politische Terrortruppe oder lokale Rote Truppe usw. – stehen und ihre Befugnisse oft überschreiten. Laut Anordnung des Revolutionären Regierungsrates hat niemand ausser des Innen- und Kriegsvolkskommissariats das Recht, im Land Truppen zu rekrutieren. Jede andere Rekrutierung, auch wenn das in der besten Absicht passiert, kann leicht konterrevolutionären Tendenzen dienen. So wird angeordnet, dass alle sog. politischen Terrortruppen oder als anders bezeichneten Sondertruppen, die nicht zur Armee oder zur Roten Wache gehören, sofort aufzulösen und deren Soldaten in die Rote Armee einzubeziehen sind. In der Zukunft ist jeder, der solche willkürliche politische Terrortruppen bildet, führt oder an diesen teilnimmt, vor Standgericht zu stellen.“

Am 19. Mai wurden die Lenin-Jungen offiziell entwaffnet. Am 23. Mai verübten sie ein erfolgloses Attentat gegen Böhm. Über die Diktatur des Proletariats präsentierte er seine Vorstellung mit bourgeois Ehrlichkeit. Diese Erklärung war mit der des Regierungsrates identisch:

Die Diktatur des Proletariats bedeutet, dass das Herrschaftssystem, das aus dem Willen der Mehrheit des Proletariats entstammt und nach den durch sie aufgestellten Regeln funktioniert. Auch noch die fanatischsten Anhänger der Diktatur akzeptieren es, dass die Diktatur nur aufgrund der Gesetze, Anordnungen und Regeln, die das Proletariat beschlossen hat, und nur von den vorschrittsmässig gewählten Vertretern des Proletariats ausgeübt werden kann, und dass sie nie gegen Individuen sondern immer nur gegen die ganze Bourgeoisie als Klasse gerichtet werden darf.“

Die Proletarier griffen schon früher diese sozialdemokratische Politik an, die die bewussten Proletarier wieder in eine nickende Wählerschaft zu verwandeln suchte:

Der Innenminister Nagy Vince[8], dieser freche Junge, hat gegen die Rote Zeitung gehetzt. Sein Staatssekretar Ágoston Péter hat in Székesfehérvár den Konterrevolutionären, die die Monarchie offen wiederherstellen wollen, kein Härchen gekrümmt. Die Konterrevolution ging in offenen Angriff über, und zwar eindeutig gegen die Arbeiter. Sie ist nicht wählerisch, fragt nicht, ob der Arbeiter zur SPU oder KPU gehört. Sie lässt ausser Acht, ob der Arbeiter den Aposteln der Klassenzusammenarbeit folgt oder revolutionären Klassenkampf führen und die Todesglocke über die Bourgeoisie lauten will. Die Massen der Bourgeois wollen keine Zusammenarbeit mehr. Auch noch der demokratische Staat ist ihnen schon lästig, sie wollen offen ihre eigene Diktatur ausüben. Die Konterrevolution zeigt uns, was die Demokratie bedeutet. Der Innenminister führt ein Pogrom gegen die kommunistischen Revolutionären, und der sozialdemokratische Staatssekretär kommt aus Székesfehérvár zurück, ohne den Grafen Károlyi József, den Bischof Prohászka, die Grafen Széchenyi und Cziráky, die Pfarrer und die Regierungskommissare an Kette gelegt mitzubringen. Nagy Vince, dieser freche Junge zögert nicht, wenn gegen die Kommunisten gehetzt werden soll. Aber sein Staatssekretär fährt nach Budapest zurück, ohne den Kopf des Grafen Károlyi im Reisekoffer mitzubringen. Die Konsequenz: Die Proletarier können nur sich selbst befreien und nur die Massen allein können mit allen Konterrevolutionären der Bourgeoisie fertig werden. Gegen die Konterrevolutionären ist nur ein einziges Mittel bekannt: das Vorantreiben der Revolution, der ungebrochene Klassenkampf bis zum vollkommenen Niederschlag der Bourgeoisie, bis zur Verwirklichung der Diktatur des Proletariats und danach bis zur Beseitigung aller Klassenunterschiede; d. h. bis zum Sozialismus. Die Verteidigung der Revolution: Bewaffnung des Proletariats, das den Klassenkampf führt. Bewaffnet euch! Bewaffnet euch bis an die Zähne, Proletarier!

Die Konterrevolution kann nicht mehr im Keim erstickt werden, sie grünt und blüht schon überall. Ihr sollt sie an der Wurzel packen. Ihr dürft nicht rücksichtsvoll sein, ihr sollt die konterrevolutionäre Bourgeoisie liquidieren, sonst liquidiert sie euch. Wenn ihr nicht wollt, dass euer Blut fliesst, dann sollt ihr das Blut der konterrevolutionären Banden vergiessen.

Proletarier, bewaffnet euch! Es gab schon genug Vorzeichen als Mahnung: Salgótarján[9], Tiszadob[10], Makó[11]. Und jetzt in Székesfehérvár wird offen die Wiederherstellung des alten Regimes gefordert; und zwar sich darauf gestützt, dass die Regierung, die die Massaker unter den Arbeitern angerichtet hat, Verteidigung gegen die Proletarier bieten wird. Und die Regierung bereitete keine Enttäuschung: der Regierungskommissar liess niemanden zu Worte kommen, der nicht wollte, was die Bischöfe und Grafen, nämlich die Wiederherstellung der Monarchie. Der Regierungskommissar entzog dem Redner das Wort, der für die Republik eintreten wollte, und der Innenstaatssekretär fuhr nach Hause, um dem Innenminister, dem Chef des Regierungskommissars Meldung zu erstatten.

Hole der Teufel das System der bourgeois Demokratie, das die Konterrevolution ernährt! Hole der Teufel die parlamentarische Republik, die die selbständige Handlung unmöglich macht! Es lebe die Republik der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte, die allein die Macht der Ausgebeuteten sichert!

Staat der bewaffneten Proletarier: allein das setzt der Konterrevolution Grenzen! In Waffe, Proletarier: gegen die Konterrevolution und für die Macht der Arbeiter, Soldaten und Bauern!

Bewaffnet euch!“

(Szamuely Tibor: Proletarier, bewaffnet euch! am 6. Februar 1919)

Nach dem 24. Juni wurde die Stimme von Cserny noch stärker: „Die Diktatur des Proletariats ist in Gefahr geraten! In Budapest tobt die Konterrevolution und, dass sie noch nicht gesiegt hat, ist nur meiner Truppe zu danken… Die drei vorigen Tage haben uns gezeigt, dass man sie blutig niederschlagen muss. Die Artillerie der Roten Wache muss organisiert werden. Darum bitte ich um eine Mannschaft aus 200 Männern, eine Wachmannschaft aus 35 Männern, 80 Detektiven und einen Stab aus 25 Personen. Diese brauchen 16 Kanonen, 12 Maschinengewehre und andere Schusswaffen. Sie brauchen auch ein geeignetes Gebäude. Ich übernehme das Kommando und ich werde die Mitglieder der Mannschaft auswählen. Nach der Organisierung der Abteilung brauchen wir auch noch die Donauflotte.

Sein oder nicht sein, da ist jetzt die Frage! Zögern wir nicht weiter, die Zügel kurz zu halten!“

Sie vertraten auch der Sozialdemokratie einen eindeutigen Standpunkt. In ihren langweiligen Stunden in dem Batthyány-Palast sangen sie oft:

Herr Redakteur Jakab, knicken wir dein Hals ab!“

Natürlich liessen sie ihren Arger an den Schuldigen nicht nur so „humanistische“ Weise aus. Sie verübten mehrere Attentate auf verschiedene sozialdemokratische Politiker wie z. B. Kunfi, Erdélyi, Rónai usw. Dem vorher erwähnten Herrn Jakab, dem Chefredakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Népszava“ (Volksstimme) schickten sie den folgenden Brief: „Nur noch zwei Tage sind dir übriggeblieben. Pass auf, deine Stunden sind gezählt! Ich trage graue Brille, wenn du mich erkennst, lauf weg!“

Einmal (die Quelle gibt keinen Zeitpunkt an) sandte die Regierung einen Kerl namens Vadász in den Park-Klub, um den dort angehauften Schatz zu hüten. Vadász verhinderte die Verteilung der Wertsachen unter den Proletarier. Die Lenin-Jungen griffen ein, und Vadász wurde erst nach langer Zeit aus der Gefangenschaft entlassen.

Viele Geschichten könnte man von ihnen erzählen. Manchmal entsprechen diese der Wahrheit, manchmal nicht. Diese Frage kann aber nur den Historikern wichtig sein, weil das Wesentliche die revolutionäre Tendenz der Gruppe ist. Es wäre ein Fehler nur das Positive in der Bewegung hervorzuheben. Es ist eine Tatsache, dass diese Gruppe in der dargestellten revolutionären Welle als die Avantgarde des Proletariats auftritt und dadurch auch die radikalsten Elemente des Proletariats waren. Wie aber es für die ganze revolutionäre Welle der Welt 1917-23 charakteristisch war, konnte sich auch diese Gruppe nicht ganz konsequent vom Bolschewismus isolieren. Obwohl sie dessen konterrevolutionären Charakter in einigen seinen Elementen eingesehen hat, sogar seinen Einfluss mehrmals ausser Acht gelassen hat, konnte sie trotzdem den Feind nicht erkennen und dadurch hat sie sich über ihn Illusionen gemacht. Das hatte die Folge, dass sie nur den rechten (historisch) sozialdemokratischen Teil der Räteregierung angegriffen hat, während sie zu Kun und seinesgleichen ein blindes Vertrauen hatte. Selbst die bolschewistisch-leninistische Ideologie konnte sie beeinflussen. Man kann keinen absoluten Urteil über sie sagen, da die Räterepublik und damit auch die Bewegung der Lenin-Jungen nach 133 Tagen am 1. August niedergeschlagen wurde. Diese Zeit ist nicht genug dazu, den konterrevolutionären Charakter des Bolschewismus zu erkennen (und vor allem, weil das Proletariat grossen Glauben dem Bolschewismus schenkte). Zwar die Historie kein „Wenn“ kennt, kann man aber sagen, dass sich die Lenin-Jungen und Szamuely der Politik der KPU nach einigen Monaten sicher widersetzt hätten, da sie schon früher mehrere Versuchen in diese Richtung gemacht hatten. Es war auch kein reiner Zufall, dass die Lenin-Jungen, Szamuely und Korvin nach der Kapitulation in Ungarn blieben – während die Parteiführung ins Ausland floh –, und als Opfer des Weissen Terrors starben. (Sie hatten die Absicht, in die Berge zu ziehen und dort als Waldbanditen die Revolution abzuwarten.)

Wir sind im Interesse der Macht des Proletariats immer hart und entschlossen aufgetreten. Dort, wo die Konterrevolution ausgebrochen ist, haben wir die konterrevolutionäre Versuche niedergeschlagen. Wir konnten aber leider den Sturz der Räterepublik nicht verhindern, er lag nicht nur an uns. Bei ihrem Sturz hat auch die Inkonsequenz und Güte der Diktatur des Proletariats gegenüber den Volksfeinden mitgewirkt. Die rechte Sozialdemokratie hat von Anfang an mit den Herren der alten Ordnung und den ausländischen Imperialisten unter einer Decke gesteckt. Böhm, Kunfi und ihre Kameraden haben die Konterrevolutionäre geschützt und haben Humanismus deklamiert, als soviele Feinde uns das Leben nehmen wollten. Mit voller Kraft haben sie sich bemüht, den Faust des Proletariats niederzuhalten, damit es nicht so hart zu schlagen kann. Sie sind im Angriff gegen Szamuely und seine Gruppe vorangegangen und haben eifrig dreckige Nachrichten von uns verbreitet.“

Böhm war auch auf dem Rathaus, wo wir unsere Sachen erledigen wollten. Er kam zu uns und redete zu uns pessimistisch, was unseren Genossen Tibi (Szamuely gemeint) sehr empörte. T. und wir alle kritisierten ihn heftig, und als Böhm nach dieser Auseinandersetzung auf der nächsten Versammlung eine Rede hielt, schien es uns, als ob es ihm wohlgetan hätte, dass der Genosse T. ihm die Meinung gehörig gesagt hatte. Und als Böhm die Versammlung verliess, sagte Genosse T. noch dazu, dass die Arbeiter einfache, treuherzige Genossen brauchen und nicht solche, die nur reden aber nichts tun. Daraufhin besprachen wir die Sache gleich im Zug und unser gleichfalls unvergesslicher Genosse Kerekes Árpád[12] bemerkte dazu, dass man gegen solchen wie Böhm härter als gegen den offenen Feind auftreten sollte… Diese sog. „Arbeiterführer“ wollen keinen Kampf, weil sie davor Angst haben… Genosse T. sagte darauf: Wir sind nicht gerne mit denen in die Räteregierung gegangen. Die Beseitigung von diesen ist von grosser Wichtigkeit für die Arbeiterbewegung.“

(aus den Memoiren von Gábor Antal[13])

3. Noch ein interesannter Artikel

Nur kein Rückzug!

(Zeitung Miskolcer Arbeiter“ (Miskolci Munkás)[14] am 1. Juli 1919)

Wenn es noch Zögernde geben würde und wenn die Bourgeoisie noch optimistisch wäre, rufen wir ihnen noch zum hundertsten Mal zu: Es gibt keinen Rückzug! Niemand darf sich schöne Hoffnungen machen und niemand darf an die falschen Gerüchte von dem Rückzug glauben. Der Demokratie wird, möge sie auch eine „bürgerliche“ oder „sozialdemokratische“ sein, keinen Glauben mehr geschenkt. Diejenigen, die beim Mangel am revolutionären Feuer aufgrund humanistischer Erwägungen noch immer zur Sozialdemokratie greifen wollen, sollen an die Vergangenheit denken. Die dreckigsten Taten der Vergangenheit, die Ausbeutung, die Bildung von nationalen Klassenstaaten und der daraus stammende Imperialismus standen alle unter den Parolen der Demokratie. Wir müssen also damit klarkommen, dass die Definition der Demokratie, wie sie uns die Feinde der Diktatur interpretieren, ist eine Lüge, eine Täuschung. Das ist die Lehre aus der Vergangenheit. Wir müssen aber auch darüber im klaren sein, dass die Rückkehr der alten Ordnung nicht bei der Sozialdemokratie stehenbleiben werde, sondern werde wieder zur totalsten Diktatur der Bourgeoisie führen. In jedem Augenblick müssen wir es im Auge behalten, dass die gefährlichste Parole der Konterrevolution heute die Demokratie ist! Vorsicht! Derjenige, der heute über Demokratie spricht, wie fromm sein Gesicht auch sei, ist ein Todfeind der Arbeiter. Und die konterrevolutionären Hetzer sollen auch vorsichtig sein, weil die Arbeiterschaft sie erkennt, auch wenn sie ihre Gesichter hinter roten Masken verbergen.

Die Verfassung der Räterepublik erklärt das Prinzip der inneren Demokratie des Proletariats. Wir erdulden nicht, dass diese Parole von den Konterrevolutionären dazu verwendet wird, den Rad, der einmal vom wirklichen Proletariat ergriffen und nach vorne getrieben wurde, zurückzudrehen.

Das Proletariat will die totalste Demokratie in seiner Mitte durchsetzen. Es nimmt in seine Mitte diejenigen, die auf das Prinzip der Ausbeutung verzichten und Proletarier werden, sich auf die Grundlage der Arbeit stellen. Aber wehe, wenn jemand die Grosszügigkeit des Proletariats missbraucht. Wehe, wenn jemand sich zum Proletariat bekennt, aber die Loyalität der Arbeiterschaft missbraucht und unter den Proletarier die Wühlarbeit weiter ausübt, die sich vorher als erfolglos erwiesen hat.

Die Arbeiterschaft ist heute grosszügig und loyal. Ob es diese Haltung behält, liegt an den oben genannten Sachen. Man muss auf diejenigen aufpassen, die über die Demokratie sprechen, möge es die innere Demokratie des Proletariats sein. Diese innere Demokratie werden die alten, erfahrenen Kämpfer aufbauen und dazu brauchen sie keine Hilfe, die den Geruch der Bourgeoisie an sich hat.[15]

 

Bemerkungen

[1] Die Tatsache, dass die Proletarier das unbewusst machten, kann in uns nur eine Art Sympathie erwecken. Eine falsche Konsequenz wäre aber sie mit der Begründung zu entlasten, dass sie 1918-19 dieses Fehler noch nicht erkennen konnten. Einerseits führten die Proletarier in Russland schon 1918 bewaffneten Aufstand gegen die bolschewistische Regierung wie z. B. der linke sozialrevolutionäre Aufstand oder die Machnowtschina. In Deutschland gab es auch solche kommunistische Aktionen, die das bolschewistische Spartacusbund und später die KPD angriffen, z. B. Johann Knief, Otto Rühle, Jan Appel, Borchardt und auch Organisationen wie die Partei der Bremener Linken (ISD, Internationale Sozialisten Deutschlands), KAPD, AAUE usw. Andererseits sind diese Proletarier keine unanfechtbare Helden, sondern einfache Kämpfer. Eben dadurch würden wir ihren Kampf um sein Wesentliches bringen (wie es die leninistisch-stalinistische Geschichtsschreibung mit der Heroisierung von Arbeiterhelden gemacht hat), wenn wir aus ihren Taten keine Konsequenzen ziehen würden und diese nicht als Erfahrungen verwenden würden. Der revolutionäre Kampf des Proletariats wird auch dadurch kontinuierlich, dass die Taten der Genossen ständig analysiert werden. So wird die scheinbar theoretische Tätigkeit zum Teil der Praxis.

[2] Die Zeitung wurde von der ungarischen Gruppe der KPR in Moskau herausgegeben und von Kun Béla und Szamuely Tibor redigiert.

[3] Eine andere Zeitung (Népszava – Volksstimme) verhielt sich zu der Grünen Garde nicht so gütig. Ihre mildeste Bezeichnung war „gemeine Bösewichte“. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass alle Ausserungen der Proletarier, die sich gegen das Eigentum richten (Raubfälle, Plünderungen, Ermordung von Ausbeutern), viel mehr „revolutionärer“ sind, auch wenn sie dabei keine rote Fahne schwingen, als der rotgemalte bourgeois Bolschewismus mit seinen gutklingenden Parolen (da er selbst die Konterrevolution ist). Wir müssen diese Bemerkung machen, weil auch die Autoren der „Sozialen Revolution“ beweisen wollen, dass die Garde nicht nur durch ihre Aktionen revolutionär ist, sondern wegen des politischen Hintergrundes ihrer Taten. Sie sagten also, dass der Proletarier, der bloss raubt oder plündert, ein verurteilbarer Verbrecher wäre. Durch diese Aussage wurde die moralische Überlegenheit der politischen Taten anerkannt. Die Autoren des Artikels leiteten, wie es auch andere Moralapostel machen, diese Prozesse nicht von dem Dasein, sondern von dem Bewusstsein (besser gesagt vom Erlernen des kommunistischen Bewusstseins) ab. Es wäre aber ein Fehler von uns festzustellen, dass die spontane Kraft des Proletariats genug zum Ausfechten der Revolution ist. Neben der spontanen Tat ist es auch sehr wichtig zu wissen, dass nicht für nationale Interesse gekämpft wird und was warum getan wird. Dieses Bewusstsein wird ihm aber nicht von einer vorgesetzten Macht, einer Elite beigebracht, sondern rührt vom Dasein und Kampf des Proletariats, also vom Proletariat selbst her. Und eben das charakterisiert die Grüne Garde und die ihr ähnlichen Organisierungen.

[4] Szamuely Tibor (1890-1919), Journalist. Vor dem Krieg 1914-18 Mitglied der SPU (Sozialdemokratische Partei Ungarn). 1915 kam in russische Kriegsgefangenschaft. Im Gefangenenlager agitierte für die Revolution. 1917 nach dem Putsch der Bolschewisten Mitglied der KPR und einer der Leiter der ungarischen Fraktion der Partei. Er nahm an der Redaktion der ungarischsprachigen Zeitung „Soziale Revolution“ teil. Organisator der aus Kriegsgefangenen bestehenden internationalistischen Truppen, kämpfte gegen die Intervention. 1919 Rückkehr nach Ungarn. Mitglied der KPU ZK (Zentralkomitee), Redakteur der „Roten Zeitung“ (Vörös Ujság). Er war gegen die Koalition der SPU und der KPU. Nach dem 21. März 1919 (Ausrufung der Räterepublik) stellvertretender Kriegsvolkskommissar. Er hatte die Aufgabe, die konterrevolutionären Bewegungen im Hinterland zu liquidieren. Mehrmals wurde er wegen seiner Übergriffe zurückgerufen, da bekam er soziale Aufgaben (Lösung der Wohnungsfrage usw.). Nach dem Sturz der Räterepublik wollte ihn die Österreichische sozialdemokratische Regierung nicht aufnehmen, aber die Führer der Räterepublik…(!) Auf der Flucht wurde er entweder von der österreichischen oder ungarischen Grenzpolizei ermordet. Er sollte eigentlich nicht getrennt von den Lenin-Jungen erwähnt werden, da er konsequent mit der Terrortruppe zusammenarbeitete.

Korvin Ottó (1894-1919), Privatbeamte. 1917 Bankangestellter, arbeitete in der linken Gruppe der Vereinigung von Bankangestellten. Mitglied des antimilitaristischen Galilei-Kreises. Vom Januar 1918 Leiter der vorhergenannten Gruppe und der der syndikalistischen Arbeiter (Revolutionäre Sozialisten). Flugblätter, die zur Gründung von Arbeiterräten und zur Revolution aufforderten, wurden herausgegeben. Korvin arbeitete am Zusammenfassen der verschiedenen kommunistischen Organisationen, nahm an der Gründung der KPU teil, Mitglied der ersten ZK, war auch gegen die Koalition. Nach dem 21. März 1919 Leiter der Politischen Ermittlungsabteilung des Innenvolkskommissariats. Beseitigte viele konterrevolutionäre Organisierungen mit Hilfe der Lenin-Jungen. Obwohl er früher gegen den Parlamentarismus, sogar den sog. Arbeiterparlamentarismus aufgetreten war und prinzipiell Szamuely ähnlich als „linker“ Kommunist gegolten hatte, bekam er vom Regierungsrat einen Posten, wo er in der Tat gegen die Reaktion kämpfen musste, so merkte er nicht, dass der Regierungsrat selbst konterrevolutionär ist. Nach dem Sturz wurde er zurückgelassen, um die KPU neu zu organisieren, wurde aber schnell entdeckt und nach langer Folterung hingerichtet.

[5] Kun Béla (1886-1939), Journalist. Er nahm an der Klausenburger Arbeiterbewegung als Mitglied der SPU teil. Während des Kriegs war er in Kriegsgefangenschaft. In Tomsk und Moskau war Leiter der ungarischen und internationalistischen Kriegsgefangenenbewegung, Gründungsmitglied der ungarischen Gruppe der KPR, ein Redakteur der „Sozialen Revolution“. Im November 1918 kehrte er nach Ungarn zurück. Ein Gründer und Sekretär der KPU, Mitglied der Redaktion der „Roten Zeitung“. Hauptinitiator der Vereinigung der beiden Parteien. Kriegsvolkskommissar der Räterepublik. Er rettete viele Bourgeois und Aristokraten aus den Händen der Revolutionären. Ein Beseitiger der Weiterführung der revolutionären Welle. Ein Liquidator von Szamuely und den Lenin-Jungen. Nach dem Sturz konnte er nach Österreich, dann nach Sowjet-Russland flüchten. Dort war er ein Mithelfer bei der Niederschlagung der Machnowtschina (unter anderen). Stalinist, bis 1936 Mitglied der KI. Er begriff nicht zeitig die Volksfrontpolitik (auf dem VII. Kongress der KI), so wurde 1937 verhaftet, starb im Gefängnis.

[6] Böhm Vilmos (1880-1949), Mechaniker. Rechter Sozialdemokrat. Vor dem Krieg Mitglied der SPU-Führung. Nach dem 31. Oktober 1918 (Bildung der bürgerlich-demokratischen Regierung) war Kriegsstaatssekretär in der Károlyi-Regierung. Vom Januar bis 21. März 1919 Kriegsminister in der Berinkey-Regierung. Während der Räterepublik Leiter der sozialisierenden Kommission, Kriegsvolkskommissar, Oberbefehlshaber der Roten Armee. Immer ein Feind des Proletariats, diese Tendenz vertrat er bis zum Ende seines Lebens.

[7] Cserny József (1892-1919), Schustergehilfe. Während des Kriegs diente bei der Kriegsmarine. 1918 ging nach Sowjet-Russland, hatte mit der internationalen Bewegung von dort Kontakt. Bestand einen Agitatorenbildungskurs, im Dezember 1918 kam nach Ungarn. Trat in die Marinenabteilung der Nationalgarde ein. Am Anfang 1919 wurde der „Leiter“ einer Abteilung, die sich aus Arbeitersoldaten und Matrosen organisierte. Gründungsmitglied der KPU; seine Gruppe hatte die Aufgabe, das Gebäude der KPU in der Visegraderstrasse zu verteidigen. Nach dem 21. März wurde er der „Führer“ der Lenin-Jungen (sie waren ung. 180-200 Personen). Nach dem Sturz wurde er geschnappt und nach langer Folterung verriet er seine Genossen. Deswegen nannte ihn die Parteiführung, z. B. Böhm einen Verräter. Ein linker Schriftsteller, Lengyel József hatte eine passende Bemerkung zu den drei Liquidatoren: „…der rote Terror war für Cserny das notwendige Gute, für Korvin das notwendige Schlechte, für Szamuely einfach das Notwendige…“

[8] Nagy Vince (1886-1965), bürgerlich-liberaler Politiker. Vom 21. Dezember 1918 bis 21. März 1919 Innenminister. Verhaftete im Februar 1919 die KPU-Führung.

[9] Januar 1919, Salgótarján. Die Proletarier schlossen der KPU an. Am 3. Januar beschloss der Arbeiterrat die Übernahme der Macht. Die Regierung schickte Abteilungen zur Niederschlagung des Aufstandes. Am 4. Januar begann das Massaker. Sein Leiter war Peyer Károly, ein Sozialdemokrat. Seine Terrorherrschaft dauerte bis März.

[10] Dezember 1918, Tiszadob. Die hungernde Bevölkerung machte auf die Wildtiere im Wald des Andrássy-Schlosses Jagd. Im Februar 1919 begann eine Abteilung auf die Bauern Treibjagd.

[11] Im Januar 1919 forderten die Sozialisten in Makó die Entfernung und Entwaffnung der Gendarmerie. Der Gendarmhauptmann bewaffnete darauf seine Gendarmen mit Maschinengewehren. Die Soldaten forderten die mitgebrachten Gewehren zurück. Der Hauptmann sagte, dass er sie nach 24 Stunden zurückgäbe. Die Führer des Arbeiterrates schickten eine Delegation, die ohne Munition war, um die Gewehre abzuholen. Die Gendarmen empfingen diese mit Salve. Es gab mehrere Todesopfer. Darauf wurde die Gendarmerie aus der Stadt vertrieben.

[12] Kerekes Árpád (1896-1919), Dreher. Im Krieg war er bei der Kriegsmarine. Teilnahme am Matrosenaufstand im Februar 1918. Eintritt in die KPU im Dez. 1918. In der Räterepublik Mitglied der Abteilung der Lenin-Jungen. Am 20. Dezember 1919 wurde hingerichtet. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: „… ich, die Gefahr gesehen, zog mir sofort die schwarze Lederkleidung an, die später das Unglück der Bourgeoisie wurde. Mit vielen Arbeiterbrüdern kämpfte ich gegen die privilegierte Klasse mit dem festen Entschluss, die Diktatur des Proletariats, die in Gefahr geriet, zu verteidigen…“

[13] Gábor Antal (1896- Todesjahr ist in der Quelle nicht zu finden), Schlosser. 1918 entkam aus der Armee, kehrte nach Budapest zurück. Im Januar 1919 trat in die KPU ein. In der Räterepublik gehörte zu den Lenin-Jungen. Im Panzerzug von Szamuely fuhr er durchs Land. Nach dem Sturz kam er ins Gefängnis, ein französischer Journalist rettete ihn, floh nach Rumänien, dann nach Österreich. Aktiver Teilnehmer der österreichischen proletarischen Bewegung.

[14] Abendsblatt der Sozialistisch-Kommunistischen Arbeiterpartei Ungarn in Miskolc.

[15] Die Demokratie ist die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft, die Institut des freien Warenaustausches. Sie tritt überall gegen die proletarische Bewegung auf. Der Vorteil des Flugblattes ist, dass es das konterrevolutionäre Wesen der bürgerlichen Demokratie, sogar das der Sozialdemokratie erkennt. Aber eben in diesem „Vorteil“ liegt auch seine Schwäche, weil es einen Unterschied zwischen der „sozialdemokratischen“ und der „bürgerlichen“ Demokratie macht. Als Weiterführung dieses Prinzips erwähnt es eine „proletarische Demokratie“, die sich „von innen“, also von unten organisiert. Es sagt, dass diejenigen, die diese „proletarische Demokratie“ beeinflussen wollen, angegriffen werden, es versteht also darunter den absolut proletarischen Charakter. Man muss aber begreifen, dass es Demokratie nur eine gibt, sei sie auch mit verschiedenen Markierungen bezeichnet, wie Arbeiter- oder Sozialdemokratie usw. Es ist nicht wichtig, wer die Demokratie leitet, wichtig ist nur, dass die Demokratie selbst die Ausbeutung bedeutet. Zwar hat sie sich ihren Namen vom Proletariat geliehen, hat aber die herrschende Klasse nicht aufgehoben. Sogar dient diese Verkleidung der Demokratie nichts anderes als dem Schutz des Privateigentumes gegenüber dem Proletariat. Man muss also erklären, dass der organisierte Kampf des Proletariats die Aufgabe hat, das demokratische Vorhandensein der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit, also die Gesellschaft des Kapitalismus (der Arbeit) von der Erde verschwinden zu lassen. Und müssen ihre bourgeois Verteidiger, die sich als Rote verkleiden, vernichtet werden, damit die Menschheit ein wirklich gemeinschaftliches und herrschaftsloses, d. h. demokratiefreies Leben in der ganzen Welt führen kann.